Als Blinder auf dem Cannstatter Volksfest: Wasen-Testbericht von Christian Ohrens

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Cannstatter Wasen Übersicht Circus Circus
Bildquelle: Thomas Frank, Parkerlebnis.de

Ein Volksfest besuchen – als Blinder? Auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart hat Christian Ohrens, blinder Web- und Videoblogger aus Hamburg, getestet, was möglich ist. Seinen Erfahrungsbericht lest ihr hier.

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Sich blind ins Kirmes-Getümmel zu stürzen und dem Wunsch nach dem Adrenalinkick auf dem Volksfest freien Lauf zu lassen, ist – Anders, als in so manch Deutschem Freizeitpark – ohne Weiteres möglich. Das zeigten meine bisherigen Tests. Wo blinden Besuchern in Freizeitparks eine Mitfahrt teils nur mit sehender Begleitung gestattet wird, können Kirmes-Besucher ohne Augenlicht auch ohne einen sehenden Begleiter Fahrgeschäfte nutzen. Bisher konnte ich erfolgreich den Hamburger Dom, das Münchner Oktoberfest sowie die Annakirmes in Düren testen.

Natürlich wiederholen sich viele Fahrgeschäfte auf den einzelnen Plätzen, aber jeder Betreiber könnte unterschiedlich mit der Thematik Blindheit und dem Fahrtwunsch umgehen. Darum führte mich im Oktober letzten Jahres mein Weg zum Cannstatter Volksfest (auch Wasen genannt), welches vom 23. September bis zum 9. Oktober im Stuttgarter Bezirk Bad Cannstatt stattfand.

Anreise als Blinder zum Cannstatter Wasen

Wie der Name der Kirmes es schon verrät, findet sowohl das Volksfest im Herbst als auch das Frühlingsfest im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt statt – zu erreichen mit der Stadt- beziehungsweise S-Bahn. Für die Stadtbahn wird für die Volksfest-Wochen auch eine extra Haltestelle nahe dem Festplatz eingerichtet. Von hier aus sind es nur wenige Gehminuten und man befindet sich mitten im Geschehen.

Orientierung als Blinder auf dem Volksfest in Stuttgart

Die Orientierung gestaltet sich etwas schwieriger. Es gibt keinen Hauptweg, an dem die einzelnen Attraktionen und Buden entlang verlaufen. Abzweigungen, welche auch mal zu einem Seitenausgang führen können, erschweren die Orientierung ein wenig. Dennoch gilt auch hier, die Ohren zu spitzen. Denn oftmals verraten Fahrgeräusche und Rekommandation, in welche Richtung man laufen muss. Ansonsten helfen auch Passanten bereitwillig weiter. Wie auch bei jeder anderen Kirmes sollte man schon etwas Geduld für einen Besuch mitbringen, um die gewünschten Attraktionen zu erreichen.

Cannstatter Wasen als Blinder: Die einzelnen Fahrattraktionen im Test

Am Testtag war leider nicht viel los gewesen. Es war noch recht früh und zudem mitten in der Woche, nicht die perfekte Zeit für einen Kirmesbesuch. Dies durfte ich auch bei den einzelnen Fahrattraktionen feststellen. Längeres Warten bis zum Fahrtbeginn war an der Tagesordnung. Ein Grund, warum ich am Ende des Besuchs auch „nur“ sieben Testfahrten verbuchen kann.

  • Flipper (Flipper), Ruoff: Los ging es an diesem Testtag mit einem Karussell-Klassiker – der inzwischen nach Frankreich verkaufte Flipper von Ruoff. Nachdem mir ein anderer Gast grob den Weg zum Kassenhäuschen beschrieben hatte, verfehlte ich, unter den Augen des Personals, das Ziel knapp; sogar mehr noch, einer der Aufseher drehte mich sogar noch in die Richtung zurück in Richtung Hauptweg, ohne vorher zu fragen, wohin ich denn eigentlich gehen wolle. Als ich letzten Endes jedoch vor dem Kassenhäuschen stand und zu einer Fahrt eingeladen wurde, zeigte sich gleicher Aufseher sehr hilfsbereit und führte mich zu einer freien Gondel beziehungsweise am Ende wieder nach draußen. Test also trotzdem bestanden.
  • The Real Shake (Shake R4), Blum: Eine Nachtestung stand auf dem Programm. Blums Shaker schnitt bei meinem Testbesuch der Annakirmes in Düren nicht ganz so gut ab, weil sie mich anfangs ein wenig haben im Regen stehen lassen. Der zweite Besuch lief jedoch ohne große Probleme ab, vielleicht hatte man seit Düren ein wenig dazugelernt. Ohne Schwierigkeiten wurde mir eine freie Gondel gezeigt und auch hier am Fahrtende der Ausgang und der Weg zur nächsten Attraktion.
  • Revolution (Top Spin), Kinzler-Nickel: Sehr hilfsbereit zeigten sich Operator und Aufsichtspersonal an diesem Fahrgeschäft. Schon während des Ticketkaufs wurde jemand zur Kasse beordert, um mir beim Einsteigen zu helfen – sehr löblich. Dass es auch hier keinerlei Schwierigkeiten beim Verlassen der Attraktion gab, versteht sich dann von selbst.
  • Infinity (Inversion XXL), Hoefnagels: Die zweite Nachtestung an diesem Tag war eine der großen Neuheiten des Jahres. Das 65 Meter hohe Überkopf-Fahrgeschäft konnte ich bereits erfolgreich in Düren testen. Und auch beim Zweitbesuch in Stuttgart stand mir das Personal helfend zur Seite und wies mir einen freien Platz zu. Nach einer zugegeben sehr windigen Fahrt (der Ersttest fand schließlich im Sommer statt) waren beim Verlassen der Anlage sowohl Gäste als auch Personal behilflich.
  • Transformer (Top Star Tour), Schmidt: Nicht ganz so hoch hinaus ging es mit diesem Fahrgeschäft, das inzwischen auch wohl zu einem Klassiker zählen dürfte. Denn neben Kaisers Predator gehört Schmidts Transformer zu den zwei noch reisenden Fahrgeschäften diesen Typs in Deutschland. Der Fahrerfolg setzte sich auch bei dieser Testfahrt fort. Kaum an der Kasse angekommen, wurde auch hier jemand von der Aufsicht zur Hilfe gerufen, der mir beim Ein- und später auch Aussteigen behilflich sein sollte. Beim Ausstieg kam ihm jedoch ein anderer Gast zuvor.
  • Hangover – The Tower (Free Fall mit ca. 85 Metern Höhe), Schneider: Wieder hoch hinaus ging es mit dem Freifallturm Hangover – The Tower, bei dem sich beim Hochziehen der Gondel selbige zusätzlich dreht. Wie auch schon bei allen bisherigen Testfahrten dieser Kirmes, waren auch hier Personal sowie Gäste beim Finden eines freien Platzes beziehungsweise des Ausgangs behilflich.
  • Best XXL Exclusive (KMG XXL), Zinnecker: Letzte Testfahrt an diesem Tag war diese 45 Meter hohe XXL-Schaukel. Langsam wurde es voll auf dem Gelände und auch an diesem Fahrgeschäft war, im Gegensatz zu manch vorherigen Fahrten, gut was los. Auch bei der letzten Testfahrt gab es keinerlei Probleme beim Ein- oder Ausstieg und beim Wiederauffinden meiner zurückgelassenen Sachen.

Fazit: Cannstatter Wasen – ein voller Testerfolg!

Die sieben von mir getesteten Fahrgeschäfte konnten ohne Probleme oder Einschränkungen von mir ohne sehende Begleitung genutzt werden. Das Personal stand mir bei allen Fahrten helfend zur Seite und die sonst öfters obligatorische Frage nach einer „sehenden Begleitung“ entfiel hier völlig. Ich sage an dieser Stelle ‚Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank!’ an alle von mir getesteten Attraktionen beziehungsweise deren Besitzer.

Nachdem nun inzwischen fünften Kirmestest stellte sich mir die Frage, warum ich als blinder Fahrgast auf der Kirmes alle Fahrgeschäfte – und mögen sie noch so groß oder hoch sein – nutzen kann, in einem Freizeitpark jedoch nicht? Ich konfrontierte zwei Fahrgeschäfts-Besitzer mit der derzeitigen Situation und eben dieser Frage. Beide, darunter Revolution-Besitzer Kinzler-Nickel, konnten natürlich nur mutmaßen, waren sich jedoch im Grunde einig: Das Vorgehen der Freizeitparks sei für sie unverständlich. Jedoch sei es natürlich so, dass bei einem Kirmes-Fahrgeschäft die Personalkette kürzer ist und man schneller bei solchen Situationen, wie einem blinden Fahrgast welcher Hilfe benötigt, eingreifen kann. Ferner entscheiden die Kassierer im Zweifelsfall spontan, ob ein Gast mitgenommen wird oder nicht.

Nimmt man diese Aussage als Diskussionsgrundlage, so kann zu wenig Personal nicht als ausschlaggebenden Grund für eine Nichtmitnahme gelten. Dieses wurde zwar nie bei unseren Testbesuchen geäußert, schwang jedoch in zahlreichen Aussagen bei Fahrverbot mit. Der Gast muss sich im Fall einer Evakuierung selbstständig befreien und die Anlage verlassen können. Doch auch eine Kirmes-Achterbahn kann oben stehenbleiben. Scheinbar steht einem Gast hier jedoch mehr Personal zur Verfügung und, ganz wichtig, es herrscht kein Hilfsverbot für andere Kirmesbesucher, so wie es manche Parks quasi formulieren.

Aus der Situation, wie sie auf einem Kirmesplatz vorherrscht, können TÜV und Parkbetreiber jedoch nur lernen. Denn sie zeigen vorbildlich, wie Integration und Teilhabe blinder Menschen an der Achterbahn- und Fahrgeschäfts-Nutzung allgemein ausschauen kann und auch sollte.

Bei meinem Besuch des Wasen wurde ich nicht nur von Thomas Frank von Parkerlebnis.de inkognito begleitet. Auch eine Reporterin der Stuttgarter Zeitung war mit von der Partie. Ihr Bericht ist hier online nachzulesen.

Ein Artikel von Christian Ohrens, freier Journalist und blinder Web- und Videoblogger aus Hamburg. Weiter Informationen zu Christian erhaltet ihr auf seiner Homepage und auf seinem YouTube-Kanal.

Bisherige Testberichte in der Übersicht:

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1 Kommentar

Ich liebe den Wasen fast noch mehr als die eigentliche Wiesn. Die Zeit der vielen Volksfste ist für mich schöner als jeder Urlaub. Mit einem neuen Dirndl bin ich bestens für diese Saison ausgestattet und freue mich auf nette Bekanntschaften aus verschiedenen Ländern und lustige Nachmittage auf den Biergarnituren :) lg aus München

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